Konzertkritiken

Christian Krolls Abschied mit Mendelssohns Oratorium „Paulus“

Regensburg. Von Gerhard Dietel, MZ

Noch ist alles gespannte Erwartung vor der Aufführung von Mendelssohns Oratorium „Paulus“ im Regensburger Audimax. Noch ist nicht zu ahnen, durch welche Gefühlshöhen und -tiefen dieser Abend führen wird. Und dabei geht es nicht nur um die Schicksale des Apostels, die im Zusammenwirken von Universitätschor, Vokalisten und dem Orchester der Mährischen Philharmonie Olmütz unter der Leitung Christian Krolls anschließend vergegenwärtigt werden. Empörung und Fassungslosigkeit machen sich kurz vor Beginn des zweiten Teils breit, als der Dirigent bekannt geben muss, die Garderoben der Orchestermusiker, die danach gleichwohl wie unbeeindruckt weitermusizieren, seien von Dieben geplündert worden.

Das nächste Stimmungswechselbad erlebt das Publikum nach dem grandiosen Schlusschor, wenn klar wird, dass dies der letzte Auftritt Christian Krolls mit dem Universitätschor gewesen ist, den er seit 1983 geleitet hat. Abschieds-Wehmut kommt auf, als Universitätsmusikdirektor Graham Buckland das Podium erklimmt und Kroll für seine Maßstäbe setzende Chorarbeit dankt, dem das Ensemble sein heutiges Niveau verdankt.

Ist es nachträgliche Einbildung, oder hat Christian Kroll die Aufführung an diesem Abend eine Spur gelassener geleitet, als man ihn sonst kennt? Oder liegt es an Mendelssohns Musik, dass Kroll sie in ihren lyrisch-melodischen Passagen auch einmal ruhig dahinströmen lassen kann? Dort, wo es gilt, Akzente zu setzen und dramatische Höhepunkte zu gestalten, treibt der Dirigent die Mitwirkenden dann doch wieder mit gewohnt fordernder Geste voran, ermuntert das Orchester zu großartigen Crescendowirkungen und den Universitätschor zu einer geschlossenen Leistung in wechselnden Rollen. Als Volksmasse fungiert er, die vom geflüsterten Gerücht allzuschnell zum fanatischen „Weg, weg mit ihm!“ übergeht, als nachdenklicher Beobachter in den ruhig getragenen Choralstrophen und schließlich als triumphierender Verkünder in den großen Chorsätzen von geradezu Händelscher Wucht.

Die Solisten tragen zum vorzüglichen Gesamteindruck der Aufführung wesentlich bei. Martin-Jan Nijhof (Bass) verkörpert die Titelfigur des Oratoriums: Weniger voluminös als schlank wirkt sein Paulus, den er als eher milden Prediger und nicht heftig eifernden Missionar zeichnet. Die Erzählerrolle teilen sich Markus Schäfer und Christine Wolff: der auch mit leuchtenden Höhen im „Sei getreu“ mitreißende Tenor klarer in der Diktion, die Sopranistin dafür durch die schlichte Innigkeit gefangen nehmend, die sie der „Jerusalem“-Arie verleiht. Mit warm timbriertem Alt ergänzt Ulrike Bartsch das Sängerquartett: Ihr hat Mendelssohn freilich nur eine Randrolle zugestanden.

Anrührend ist das Schlussbild: Da erscheint der Dirigent zusammen mit den Solisten des Abends letztmals auf der Bühne und sieht sich auf zwei Seiten vom Beifall umbrandet. Nicht nur das Publikum spendet ihn, sondern auch der Chor ehrt seinen langjährigen Leiter: Beide wissen, was sie an Christian Kroll hatten.

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Der Uni-Chor gab eine lange „Romantische Chornacht“ zum Besten

Regensburg. Von Gerhard Heldt, MZ

Während seines Abschieds vom Kantorenamt studierte Christian Kroll mit dem Universitätschor ein anspruchsvolles Programm für die „Romantische Chornacht“ in der Minoritenkirche ein. Hier standen in zwei großen Blöcken Brahms‘ „Zigeunerlieder“ op. 103 auf Texte von Hugo Conrat und die „Liebeslieder“ op. 52 auf Texte von G. F. Daumer im Mittelpunkt. Beide Zyklen erfordern vom Chor und den begleitenden Pianisten (mit viel Einfühlungsvermögen: Roswitha und Lukas Klotz) ein hohes Maß an Konzentration, um die mitunter schnell wechselnden Stimmungen in Text und Musik überzeugend vorzutragen.

Klangliche Disziplin

Begonnen hatte Christian Kroll mit Robert Schumanns „Zigeunerleben“ op. 29,3 auf einen Text von Emanuel Geibel, der alle Zigeunerklischees des 19. Jahrhunderts bedient und Schumann die Grundlage für glutvolle musikalische Entsprechungen bietet. Die gelangen nach kurzen Anlaufschwierigkeiten auch gut. Kleine Mängel in den hohen Männerstimmen glichen die prächtigen Sopran- und Altstimmen aus. Die „Zigeunerlieder“ von Brahms standen dem nicht nach: dynamisch gut ausgearbeitet, vollstimmig und doch transparent im Klang, jede Silbe zu verstehen.

Thomas Gropper gestaltete mit baritonal gefärbtem Bass Schuberts Goethevertonung „An den Mond“ D 259 ansprechend und plastisch. Als instrumentales Intermezzo bot Lukas Klotz auf einem leider unzureichenden Stutzflügel ostasiatischer Provenienz Beethovens op. 27,2, die Sonate „quasi una fantasia“, bekannter als „Mondscheinsonate“. Der langsame Kopfsatz klang am überzeugendsten, das Finale versank in der mulmigen Mittel- und Basslage des Instruments. Drei Silcher-Chöre beschlossen den ersten Teil. Kroll hielt seinen Chor zu äußerster klanglicher Disziplin an, vermied jedes falsche Sentiment und lief so nie Gefahr, ins Seichte abzugleiten.

Der zweite Teil startete mit den „Liebesliedern“ op. 52 von Brahms, die mit der von Georg Blüml spannend vorgetragenen Geschichte „Das öde Haus“ aus dem zweiten Teil von E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücken“ etwas zwanghaft gekoppelt waren. Die Liedabfolge war umgestellt, auf den Text abgestimmt. Durch diese Kopplung entstand ein abendfüllendes Werk von ca. 90 mitunter ermüdenden Minuten, was zu später Stunde auch der stets präsente Chor mit seinen kurzen Einwürfen kaum mehr auflockern konnte. Beglückend zum Schluss nochmals drei Silcher-Chöre, wiederum unprätentiös vorgetragen von den herrlich jungen Stimmen des Universitätschores, der sich für den Beifall mit Regers „Nachtlied“ bedankte.

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Universitätschor Regensburg 2010

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