Ein wirklich bemerkenswerter Beitrag zum Liszt-Jahr

Ein wirklich bemerkenswerter Beitrag zum Liszt-Jahr

Von Gerhard Dietel, MZ

REGENSBURG. Den bisher spektakulärsten Beitrag zum aktuellen Franz-Liszt-Jubiläumsjahr in Regensburg gab es am Sonntagabend im Audimax zu erleben, und man musste sich wundern, dass der Saal nicht so gut besetzt war, wie es Programm und Aufwand verdienten. Der Universitätschor hatte sich mit dem Akademischen Chor der Universität Erlangen zusammengetan, um drei anspruchsvolle geistliche Werke von Franz Liszt aufzuführen. Zu den Chormassen, bei denen sich die weit in der Minderzahl befindlichen Männer trotzdem wacker behaupteten, gesellten sich noch die Vogtland Philharmonie sowie die Vokalsolisten Antonia Gust (Sopran), Anna Haase (Alt), Reto Raphael Rosin (Tenor) und Patrick Pobeschin (Bariton). Diesem riesigen Ensemble gelang unter der wechselnden Leitung von Konrad Klek (Erlangen) und Roman Emilius (Regensburg) eine klang- wie ausdrucksintensive Interpretation von Liszts Kompositionen.

Mit kraftvollen Unisonogängen und herben Harmonien lässt Liszt seine Vertonung des 13. Psalms anheben. „Herr, wie lange willst du meiner vergessen“ fragt der Tenor Reto Raphael Rosin in seinem eindringlich gestalteten Solopart, dessen „Wie lange?“-Frage als Motto vom Chor immer wieder aufgegriffen wird. Von quälendem Zweifeln führt der musikalische Bogen jedoch allmählich zu mehr Zuversicht. Freundlichere Dur-Harmonien beherrschen den versöhnlichen Schlussteil des Werks, das musikalisch manchmal an Mendelssohns Psalm-Kompositionen erinnert.

Soll man die „Glocken des Strassburger Münsters“, die unter der Leitung von Konrad Klek erklingen, überhaupt unter Liszts geistliche Musik rechnen? Eher ist dieses Werk nach einer Dichtung Longfellows eine opernnahe Kuriosität, der man wohl nur bei besonderen Jubiläumsanlässen einmal in der Musikpraxis begegnen wird. Plastisch gelingt es den Ausführenden, eine nächtliche Sturm-Szenerie zu entwerfen, in welcher der präzis artikulierende Bariton Patrick Pobeschin in der Lucifer-Rolle seine Höllengeister nicht zur Zerstörung des Kirchenbauwerks antreiben kann. Ihre Machtlosigkeit gegen die Himmelskräfte gestehen die Damen des Chors als Helfer Lucifers ein, während die Herren lapidar die lateinischen Glocken-Inschriften intonieren.

Im Zentrum des Abends steht, unter dem Dirigat von Roman Emilius, die „Missa Coronationalis“, die Liszt für die Krönung des österreichischen Kaiser- zum ungarischen Königspaar im Jahre 1867 schrieb. Entsprechend majestätisch beginnt das Werk, dessen „Kyrie eleison“ weniger als Erbarmungsruf denn als Manifestation von Selbstbewusstsein anmutet. Vielleicht fühlt sich auch das Solistenquartett deswegen aufgefordert, im folgenden „Christe“ mit etwas zuviel Druck zu agieren, statt „betend“, wie Liszt es wünscht? Als überaus heterogen, wenn auch stets faszinierend in den Details, erweist sich die Komposition in der Folge. Bewusste Zigeunertonleiter- und Csardas-Anklänge enthält sie zum einen, ein kirchentonal archaisierendes „Credo“ zum anderen, dessen reine Orgelbegleitung bei der Regensburger Aufführung – ganz legitim – durch Bläser und Kontrabässe ersetzt wird. Ein Repertoirewerk der Kirchenmusikpraxis wird diese Messe zwar nie werden: Sie aber zusammen mit den anderen Werken des Abends einmal im Konzert vorgestellt zu haben, ist das Verdienst von Roman Emilius und Konrad Klek.

Mittelbayerische Zeitung, 28.02.2011

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